ver.di Pressemitteilung vom 1.4.2026

Ein Jahr nach Einführung der neuen Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen zieht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di NRW) eine kritische Bilanz. Die Reform sei mit dem Anspruch gestartet, eine qualitativ hochwertige, bedarfsgerechte und flächendeckende Versorgung sicherzustellen. In der Praxis zeigten sich jedoch deutliche Probleme: „Die Reform adressiert reale Herausforderungen, schafft in der Umsetzung aber neue Risiken für Beschäftigte und Versorgung“, erklärt Susanne Hille, Fachbereichsleiterin Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft bei ver.di NRW. „Statt einer echten Verbesserung erleben wir vielerorts eine Verschiebung von Problemen.“

Zentrale Elemente der Reform sind die Spezialisierung und Konzentration von Leistungen auf weniger Standorte sowie die Verlagerung von Behandlungen in den ambulanten Bereich. Die Folgen an den einzelnen Klinikstandorten sind laut ver.di Leistungsverschiebungen, Abteilungsverkleinerungen oder Stationsschließungen. Damit greife die Reform tief in bestehende Strukturen ein und habe spürbare Auswirkungen auf die Situation der Beschäftigten und ihren Arbeitsalltag.

Viele müssen die Abteilung oder den Standort wechseln, manche sogar den Arbeitgeber. Dies führe zu wachsender Unsicherheit, längeren Pendelzeiten, veränderten Arbeitsbedingungen, Einsätze in fachfremden Bereichen und dem Verlust gewachsener Teamstrukturen. Besonders betroffen sind Teilzeitbeschäftigte. Trägerwechsel und Ambulantisierung können zudem den Verlust von Tarifbindung und Mitbestimmungsstrukturen bedeuten. Gleichzeitig geraten die auffangenden Strukturen zunehmend unter Druck. Zentrale Kliniken und Rettungsdienste müssen zusätzliche Patientinnen und Patienten versorgen, die aufgrund von Ambulantisierung oft pflegeintensiver sind – ohne dass Personal und Infrastruktur entsprechend ausgebaut wurden.

„Die Belastung steigt – und das in einem System, das längst am Limit arbeitet“, sagt Hille. „Für die Beschäftigten ist das kaum noch tragbar, für die Patientinnen und Patienten riskant.“

Aus Sicht von ver.di verstärkt die Reform bestehende soziale und regionale Ungleichheiten. Auch als Patientinnen und Patienten seien insbesondere marginalisierte Gruppen und Menschen mit Sorgeverantwortung von schlechterer Erreichbarkeit betroffen. Zwar könne Zentralisierung bei hochkomplexen und planbaren Eingriffen sinnvoll und zumutbar sein – laut ver.di zeige sich bei zeitkritischen und wohnortnahen Leistungen ein anderes Bild. In zahlreichen Regionen werden Erreichbarkeitsziele nicht eingehalten – etwa bei der Grundversorgung, der Schlaganfallversorgung oder der Geburtshilfe. Besonders betroffen sind ländliche Räume und strukturschwache Regionen. Gleichzeitig entstehen neue wirtschaftliche Risiken: Der Wegfall bisher lukrativer Leistungen gefährde die Finanzierung defizitärer Bereiche wie etwa der Geburtshilfe. Diese Wechselwirkungen seien in der Planung bislang unzureichend berücksichtigt worden.

„Wenn Patientinnen und Patienten im Notfall längere Wege zurücklegen müssen, kann das ernsthafte gesundheitliche Folgen haben“, so Hille. „Wohnortnähe ist kein Luxus, sondern ein entscheidendes Qualitätsmerkmal.“

ver.di NRW fordert deshalb eine Nachsteuerung der Krankenhausplanung:

  • Stärkung von Transparenz und Mitbestimmung
  • Absicherung von Arbeitsplätzen,
  • Tarifbindung und Arbeitsbedingungen
  • Sicherstellung der Versorgung, bevor Standorte reduziert werden
  • Ausrichtung der Planung am tatsächlichen Bedarf der Patient*innen

„Die Krankenhausplanung in NRW darf nicht zur Blaupause für Fehlentwicklungen werden“, so Hille. „Gesundheitsversorgung muss sich am Bedarf der Menschen orientieren – nicht an ökonomischen Logiken.“

Pressekontakt: Sabine Lassauer, Projektsekretärin, +49 160 90300348

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